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Dozent: Ein ganz besonderer Auftrag

11.08.2015

Informieren, Zusammenhänge herstellen, Komplexes anschaulich machen, das sind ur-journalistische Aufgaben. Zugleich sind es die Gebiete, auf denen sich die journalistische Tätigkeit mit der eines Dozenten überschneidet. Doch es lohnt sich, auch die Unterschiede im Sinn zu behalten.

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Es ist einmal wieder Zeit gewesen, die Armbanduhr zu wechseln. Nein, weder habe ich dem Journalismus den Rücken gekehrt, noch ist mir das Dozieren völlig neu. Aber der Lehrauftrag des privaten Bildungsanbieters Alfatraining markiert denn doch - in mehr als einer Hinsicht - eine neuen Abschnitt.

Ortsunabhängiger Präsenzunterricht

Der augenfälligste Unterschied ist zunächst die Art des Präsenzunterrichts: Die Teilnehmer sitzen nicht mit mir im selben Klassenzimmer, sondern sind mir von Standorten quer durch das ganze Bundesgebiet aus per Videostream zugeschaltet. Wenn wir uns unterhalten, sprechen wir in die Mikros unserer Headsets und stellen Augenkontakt via Kamera her. Auch meine via PowerPoint erstellte Unterrichts-Präsentation wird online auf einen der beiden Bildschirme übertragen, die den Teilnehmern jeweils zur Verfügung stehen. Ich war selbst überrascht, wie schnell ich mich in die Kommunikation via Video eingewöhnen konnte - vielleicht auch deshalb, weil die Kamera so angebracht ist, dass meine Teilnehmer den Eindruck haben, ich sähe sie direkt an, wenn ich ihrem Videobild ins Gesicht sehe. 

Der nächste Unterschied sind die zeitliche Dauer des Seminars (das von mir betreute Unterrichtsmodul "Online Redakteur Modul 2" nimmt acht Wochen in Anspruch) und der Umfang des zu vermittelnden Stoffs: Von den Grundlagen journalistischen Arbeitens über die Besonderheiten des Textens für das Internet bis hin zu Crossmedia-Publishing und Online-Marketing reicht der Stoff, ergänzt um SEO-Grundlagen, Finanzierungsmodelle, die grafische Aufbereitung umfangreicher Datenmengen und noch einiges mehr. 

Nun bin ich seit fünfzehn Jahren Journalist, arbeite für Print und Online gleichermaßen, habe ge-podcastet und Videos gedreht, musste, als das noch nötig war, sprachlich schauderhafte SEO-Optimierungen vornehmen, habe auch schon PR-Unterstützung geleistet und Unternehmens-Newsletter verfasst - und wenn ich etwas nicht selbst gemacht habe, dann kenne ich garantiert jemanden, der die entsprechende Erfahrung hat. Die Inhalte waren von Anfang an nicht meine Sorge.

"Journalistisch" unterrichten?

Was den Journalisten vom Dozenten unterscheidet: Der Journalist darf in seinen Lesern negative Emotionen wecken. Er darf sie aufregen, bis sie auf die Barrikaden gehen. Er darf ihnen Angst machen, er darf Menschen und Institutionen bloßstellen, ihn interessieren an der Suppe nur die Haare, die er darin zu finden hofft. Ein Journalist darf - und muss sogar - die geistig-ideelle Zielsetzung des Mediums, für das er arbeitet, mittragen, wozu oft auch eine politische und/oder weltanschauliche Verortung gehört. 

Vieles davon darf ein Dozent nicht: Die Teilnehmer eines Lehrgangs auf die Barrikaden zu treiben oder ihnen Angst zu machen, ist im Hinblick auf den Lernerfolg kontraproduktiv. Teilnehmer, die fürchten müssen, ihr Dozent werde sie - vor der Gruppe oder nach außen hin - bloßstellen, werden sich, wenn sie überhaupt dabei bleiben, mit Vermeidungsstrategien durch den Lehrgang mogeln. Zwar darf auch ein Dozent Haare in der Suppe nicht unangesprochen lassen, aber er muss den Teilnehmern mit Wertschätzung begegnen. Ätzende Kritiken mögen im Kulturressort gut ankommen, im Seminar sind sie Gift. Und: Politische oder weltanschauliche Überzeugungen des Dozenten sollte er so weit wie irgendmöglich aus dem Unterricht heraushalten, falls die nicht Gegenstand des Unterrichts sind.

Auch Lehren geht "crossmedial"

Damit zurück zu den Gemeinsamkeiten: Kaum eine Onlinepublikation, auch wenn deren Schwerpunkt auf Text-Inhalten liegen mag, verzichtet heutzutage noch auf Bilderstrecken, interaktive Infografiken, zumindest kurze Videosequenzen und ähnliche multimediale Ergänzungen. Und kaum eine Onlinepublikation verzichtet auf das "Kuratieren" fremder Inhalte, seien es Tweets, Blogposts, Äußerungen auf Facebook oder andere Beiträge Dritter. 

Crossmedial arbeiten kann auch ein Dozent: Einige der Unterrichtsthemen präsentiere ich den Teilnehmern in einem Storify , habe eine YouTube-Playlist erstellt, verweise auf einige hörenswerte Podcasts, und natürlich ist das umfassende multimediale Archiv Archive.org auch selbst Teil eines Unterrichtsthemas.

Einer der größten Vorteile, den ein Dozent gegenüber einem Journalisten hat, ist, dass er direkt mit der Reaktion seines Publikums konfrontiert ist. Ob die Teilnehmer mitmachen, aufmerksam sind, den Stoff verstehen und umsetzen können, zeigt sich unmittelbar in den Gesichtern, und dieser Eindruck bestätigt sich spätestens bei den praktischen Übungen zu jedem Thema. Für den Journalisten sind seine Leser dagegen - von Kommentatoren und Leserbriefschreibern einmal abgesehen - eine anonyme Masse, die er an Auflage oder Unique Visitors ablesen kann. Wenn ich mich in einem Artikel falsch oder unklar ausgedrückt habe und dieser falsche/unklare Ausdruck die redaktionelle Kontrolle unbemerkt passiert hat, ist das Kind im Brunnen. Im Unterrichtsgespräch bemerke ich viel eher, wenn ich etwas unklar vermittelt habe, und habe so noch die Chance, mich zu korrigieren.

Bei der Beschäftigung mit den didaktischen Aspekten des Unterrichtens habe ich übrigens auch etwas für meine journalistische Arbeit mitgenommen: Jeder Mensch hat andere Präferenzen, nach denen er Inhalte rezipiert: Die einen reagieren mehr auf visuellen, die anderen auf akustischen Input, wieder andere bevorzugen den haptischen Hands-On-Ansatz. Im Online-Journalismus können wir all diese Rezipienten bedienen. Öfter daran zu denken, dürfte sich lohnen.

 

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