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Mein größter Fehler - oder warum volle Auftragsbücher in den Ruin führen können

27.11.2014

Einhundertundfünf Prozent Auslastung sind ein Traum: Acht bis zehn Stunden zu recherchieren, zu interviewen, zu fotografieren, und schließlich zu schreiben, macht für mich einen perfekten Tag aus. Und wenn viele solcher Tage aufeinander folgen, um so besser. Von wegen!

Ein volles Auftragsbuch - insbesondere wenn die Aufträge von solventen Auftraggebern mit intakter Zahlungsmoral stammen - hat vieles für sich: Ein (vorerst) gesichertes Einkommen und ein Minimum an Leerlauf sind die beiden Aspekte, die ich am meisten schätze. Dass von einem vollen Auftragsbuch aber auch Sirenengesänge ausgehen, die mich geradewegs auf gefährliche Klippen zusteuern ließen, bemerkte ich erst spät.

Der größte Fehler meiner Journalistenlaufbahn war keine unsaubere Recherche, kein mit Logikfehlern durchsetzter Kommentar, keine falsche Bildzuordnung (obwohl so etwas im Laufe von sechzehn Journalistenjahren sicher vorgekommen ist), mein größter Fehler war es, Vollbeschäftigung für selbstverständlich zu nehmen, nachdem ich sie einmal erreicht hatte. Sicher, es gab nach Monaten angestrengter Arbeit mitunter Zeiten, in denen die Auftragsflut kurzzeitig abebbte - gerade lang genug, um ein wenig auszuspannen, und vielleicht noch, um die Steuererklärung auf den Weg zu bringen - aber die Arbeit ernährte ihren Mann und seine Kinder, und ich gab mich der Illusion hin, das würde sie bis zu meiner Rente weiter tun.

Zu einer Gefahr wurde diese Illusion, weil sie mich glauben ließ, es sei völlig überflüssig, mich neben all dem Recherchieren, Fotografieren und Schreiben auch darum zu bemühen, neue Auftraggeber zu finden. "Du hast heute zehn Stunden gearbeitet", sangen mir die Sirenen ins Ohr, "du wirst morgen zehn Stunden arbeiten, und übermorgen wieder. Du hast doch gar keine Zeit für andere Auftraggeber." Dazu kam: Ich war aus dem Angestelltendasein in die Freiberuflichkeit gewechselt - und ein Angestellter, der seine Arbeitskraft ständig anderen Arbeitgebern anbietet, gilt als illoyal. Dass auf dem Freelancer-Markt andere Gesetze gelten, wusste ich, hatte es aber nicht wirklich verinnerlicht. 

Und so geschah, was geschehen musste: Nach Jahren guter bis sehr guter Auslastung schloss einer meiner ganz wichtigen Auftraggeber seine Pforten, und ich musste plötzlich etwas tun, worin ich kaum praktische Erfahrung hatte: Ich musste Auftraggeber akquirieren. Akquise erfordert Zeit, Mühe und eine hohe Frustrationstoleranz (das war ich von meiner eigentlichen journalistischen Tätigkeit gewohnt), aber eben auch Übung - und diese Übung hatte ich mir selbst versagt, so lange mein Auftragsbuch prall gefüllt gewesen war. Es ist kaum in Zahlen auszudrücken, wie teuer dieser Fehler für mich gewesen ist.

Heute ist die Suche nach neuen Auftraggebern für mich eine feste Routine wie das morgendliche Zähneputzen. Etwa eine Stunde meiner Arbeitszeit verbringe ich täglich damit, mögliche Auftraggeber ausfindig zu machen und Kontakt mit ihnen aufzunehmen - auch wenn ich dann für meine übrige Arbeit eine Stunde hinten anhängen muss. Nochmal falle ich nicht auf ein volles Auftragsbuch herein.

 

Kommentare: 1

1
UserTimo Stoppacher
Date / Time28.11.2014 - 09:44:15
Homepagehttp://www.fitfuerjournalismus.de

Toller und wichtiger Beitrag. Ja, Akquise ist auch nötig, gerade wenn es super läuft.

Dazu habe ich schon mal was geschrieben:

10 Sofort-Maßnahmen, wenn es als freier Journalist gut läuft

http://www.fitfuerjournalismus.de/10-sofort-massnahmen-wenn-es-als-freier-journalist-gut-laeuft/

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